Irmela Wiemann. Ratgeber Adoptivkinder, Leseprobe


«Weisst Du, es ist ein schmerzliches Gefühl, an jemanden zu schreiben, mit jemandem zu sprechen, den man noch nie, vielleicht doch? gesehen hat, den man nicht kennt, und doch weiß man, daß es diesen Menschen geben muß oder einmal gegeben hat, denn einen tieferen Beweis als diesen, den ich habe, gibt es wohl nicht. – Ich bin der Beweis, ich dieses Lebenwesen mit Namen ‹Katharina›, ... »
(Schärer 1991, 14)

Vorwort

Kürzlich saß ich mit einem leiblichen Elternpaar, den künftigen Adoptiveltern und der zwei Monate alten Swantje in einem Zimmer und habe sie bei der Planung der Zukunft ihres gemeinsamen Kindes beraten. Swantje wurde von ihrer leiblichen Mutter und ihrem leiblichen Vater im Arm gehalten. Am Ende der Beratung legte die Mutter Swantje in das Tragekörbchen der Adoptiveltern. Eine solche Situation ist für alle Beteiligten schmerzlich, wühlt auf. Hier das Abschiednehmen der leiblichen Eltern ohne Betäubung, dort die Konfrontation der Adoptiveltern mit den Menschen, die «ihrem Kind» das Leben gegeben haben. Alle Beteiligten erleben bewußt und bitter ihre besondere Situation. Doch sie sind auch ein Stück erleichtert, manchmal sogar froh. Weil sie einander kennen, wird viel Ungewißheit, die den Adoptionsprozeß sonst überschattet, von ihnen genommen.
Das persönliche Zusammentreffen von Abgebenden und Annehmenden ist vor allem für das Kind eine Chance, die ungewöhnliche Situation wirklichkeitsnäher zu bewältigen. Begegnungen müssen sorgfältig vorbereitet werden und von den beteiligten Erwachsenen gewollt sein. Sie sind auch heute noch nicht die Regel. Offene Adoption ist kein Allheilmittel. Sie darf nicht benutzt werden, um den Adoptionsprozeß zu verharmlosen, oder in falsche Euphorie zu verfallen. Sie kann erst recht nicht als Propaganda eingesetzt werden, Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch wollen, umzustimmen.
Noch vor zwei Jahrzehnten wurde Adoption der Umwelt und dem Kind selbst oft verheimlicht. Verdrängung, Mißachtung, Lügen und seelische Verletzungen gehörten zu den Spielregeln des Adoptionsgeschehens. Heute dagegen schließen sich immer mehr Adoptiveltern zu Interessen- und Selbsthilfegruppen zusammen, sie bekennen sich offen zu ihrer besonderen Situation. Abgebende Mütter (selten abgebenden Väter) treten in der Öffentlichkeit auf und berichten über ihre schmerzlichen Erfahrungen. Jugendliche und erwachsene Adoptierte kommen immer öfter in Adoptionsvermittlungsstellen, um ihre Herkunftssituation herauszufinden und nach ihren leiblichen Eltern zu forschen.
Wenn Sie Ihr Kind nach der Inkognito-Norm adoptiert haben, so gehören Sie zur Mehrzahl. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen. Der Öffnungsprozeß beginnt im Herzen und in den Köpfen der Adoptiveltern. Sie haben vielfältige Möglichkeiten, ihren Kindern bei der Bewältigung ihrer Adoption beizustehen. Entscheidend ist, daß Sie sich der Tatsache stellen, daß Ihr Kind anderswo Eltern hat. Sein Selbstwert wird davon beeinflußt, was die Adoptiveltern von diesen Eltern fühlen. Je angstfreier die Adoptiveltern die Situation bewerten, desto zufriedener lebt ihr Adoptivkind.
Ich habe in meiner langjährigen Beratungsarbeit die Erfahrung gemacht, daß es Kindern und Heranwachsenden in jenen Adoptivfamilien seelisch am besten geht, die sich emotional mit den Umständen und Beweggründen der Fortgabe des Kindes ausgesöhnt haben. Wenn diese Umstände furchtbar waren, so haben sie diese betrauert.
Früh Adoptierte fühlen sich ganz und gar zugehörig zu ihren sozialen Eltern. Doch die Ursprungsmenschen bleiben ein Leben lang wichtig. Leibliche Mütter waren immer auch soziale Mütter und können nicht einfach auf den biologischen Ursprung reduziert werden. Während der Schwangerschaft und Geburt, während des oft bitteren inneren Kampfes – Freigabe zur Adoption ja oder nein – hat es eine Vielfalt sozialer Interaktionen zwischen Mutter und Kind gegeben. Schon das kleine adoptierte Kind schätzt dies richtig ein: Es fragt, weshalb die «Mama, aus deren Bauch es kam» nicht mit ihm leben konnte. Nicht nur der körperliche, vor allem der soziale Prozeß interessiert die Adoptierten. Allenfalls Väter, die nur eine situative sexuelle Beziehung zu einer Frau hatten und denen es gleich war, ob sie «Nachwuchs» erzeugt haben, könnten auf die ausschließlich biologische Rolle reduziert werden. Doch auch hier wirkt ihr Sozialverhalten auf Frau und Kind ein. Adoptierte auf der Suche nach ihren leiblichen Vätern fühlen sich gedemütigt, wenn ihr Erzeuger die Vaterschaft nicht zugibt oder wenn es einem biologischen Vater gleichgültig ist, daß er «Nachkommen» hat.
Es ist eine schwierige Gratwanderung, die Adoptiveltern gehen müssen, wahrhaftig zu bleiben, dem Kind altersgemäß in richtiger Dosierung über seine Herkunftsfamilie und die Umstände seiner Freigabe und Annahme zu erzählen, und zugleich dem Kind nicht weh zu tun. Kinder erfassen unbewußt, wie weit ihre Adoptiveltern mit ihren Prozessen, beispielsweise der Trauer über die Kinderlosigkeit oder Wut auf die abgebenden Eltern sind, ob sie geschont werden müssen oder Offenheit zulassen können. Es ist für adoptierte Kinder schwer, wenn Adoptiveltern mit den Bedingungen der Abgabe oder ihrem eigenen Selbstwert wegen der Adoption nicht im Reinen sind. Erst wenn die Adoptiveltern sich der «Wirklichkeit» gewachsen fühlen, mit ihr umgehen gelernt haben, kann auch das Kind dies tun. Dies gelingt nicht von heute auf morgen. Adoptiveltern dürfen sich Zeit nehmen. Sie brauchen Hilfe und Solidarität durch andere Menschen in ihrem sozialen Umfeld oder mit anderen Betroffenen, um die vielfältigen Prozesse zu bewältigen.
Annehmende Eltern sind überglücklich, wenn sie ein Kind vermittelt bekommen. Es wäre logisch, wenn abgebende Eltern dementsprechend eine hohe Wertschätzung und Anerkennung in unserer Kultur erfahren würden. Doch jene Menschen, die kinderlosen Paaren zum Glück verhelfen, ein Kind annehmen zu können, werden entwertet, ausgegrenzt, moralisch verurteilt. Abgebende Mütter müssen mit ihrer schweren Situation, Elternteil ohne ihr Kind zu sein, weiterleben. Teile dieses Buches richten sich speziell an die abgebenden Mütter.
In meinem ersten Buch «Pflege- und Adoptivkinder»  habe ich das Gemeinsame der beiden Hilfeformen herausgearbeitet: Pflege- und Adoptivkinder leben mit Menschen zusammen, die nicht ihre leiblichen Eltern sind Pflege- und Adoptivkinder haben ihre Eltern im Lauf ihres Lebens ganz oder teilweise verloren und fühlen sich neuen Eltern mehr oder weniger stark zugehörig. Diesmal habe ich mich für zwei Bände entschieden: einen «Ratgeber Adoptivkinder»  und einen «Ratgeber Pflegekinder».
Die Lebenssituation von Pflege- und Adoptivkindern unterscheidet sich rechtlich und von der sozialen, psychologischen Seite: Beim Adoptivkind erlöschen die verwandtschaftlichen Verhältnisse laut Bürgerlichem Gesetzbuch zur leiblichen Familie. Die neuen Eltern haben alle Rechte und Pflichten. Beim Dauerpflegekind, selbst wenn es vom Babyalter an in der Pflegefamilie lebt, bleiben die verwandtschaftlichen Verhältnisse bestehen. Obwohl sich ein früh vermitteltes Pflegekind seelisch und sozial seiner Pflegefamilie zugehörig fühlt, bleibt es gesetzlich Kind seiner Eltern. Die leiblichen Eltern sind unterhaltsverpflichtet. Das Sorgerecht liegt meist nicht bei der Pflegefamilie sondern bei den leiblichen Eltern oder bei einem Vormund.
Im «Ratgeber Pflegekinder»  wird nicht nur die Dauerpflege, die manchmal Adoptionen ähnelt, beschrieben. Es wird über all jene Pflegekinder berichtet, die sich ihren leiblichen Eltern weiter seelisch und sozial zugehörig fühlen, obwohl sie zeitweise oder über Jahre in Pflegefamilien leben. Im «Ratgeber Pflegekinder»  gibt es auch ein Kapitel über Tagespflege und die damit verbunden Konflikte und Lösungsmöglichkeiten. Sie haben mit der Lebenssituation eines adoptierten Kindes nichts mehr gemeinsam.
Es gibt ganz unterschiedliche Dosierungen bei der Bewältigung des Adoptionsgeschehens. Hier will dieses Buch konkrete Anregungen geben und die vielen möglichen Schritte aufzeigen, die alle am Adoptionssystem beteiligten Menschen – abgebende Eltern, Adoptierte selbst und Adoptiveltern, aber auch die Adoptionsvermittlerinnen und Adoptionsvermittler – gehen können. Welche Schritte Sie wählen, welche Sie sich zutrauen, wie weit und wohin Sie gehen wollen, das sollten Sie sorgfältig für sich und Ihre Situation ausloten. Dabei soll dieses Buch Grundlage und Hilfe sein.
Ich danke den Kindern und Jugendlichen, ihren annehmenden und abgebenden Eltern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Jugendämtern, die ich seit vielen Jahren in Gruppen, Seminaren und Beratungen begleiten konnte. Von ihnen habe ich gelernt, durch sie konnte ich die beiden «Ratgeber» schreiben.
In allen angeführten Beispielen von Kindern und ihren Familien wurden Namen und persönliche Daten verändert, so daß sie nicht wiedererkannt werden können. Ähnlichkeiten mit Ihnen bekannten Familien sind möglich, da es sich um typische Fragen und Problemstellungen handelt, die es in vielen Adoptiv- und Herkunftsfamilien gibt.
Mitgeholfen, kritisch gelesen, inhaltlich und fachlich unterstützt haben mich: Brigitte Kaetzge, Volker Jablonski, Brigitte Löw, Gerda Stößinger und Otto Salmen. Ihnen gilt mein besonderer Dank.

Irmela Wiemann


1. Besondere Lebensform Adoption

Die zehnjährige Yvonne, als Baby adoptiert, war mit ihrer Mutter beim Augenarzt. Der stellte fest: «Du wirst eine Brille tragen müssen» und mit Blick auf die Adoptivmutter sagte er: «Das hast Du von der Mutti.» Adoptivmutter und Yvonne schauten sich an und lächelten. Sie klärten den Augenarzt nicht darüber auf, daß Yvonne ihre Kurzsichtigkeit nicht von ihrer Mutter geerbt haben konnte.
Yvonne dachte: Meine Mutter wäre vielleicht verletzt, wenn ich dem Augenarzt gegenüber das Geheimnis gelüftet hätte. Aber es war auch schön, mit der Mutter zusammen vor dem fremden Mann ein Geheimnis zu bewahren. Einen Moment lang haben wir uns gefühlt, wie leibliche Mutter und Tochter. Wir waren durch unser Wissen dem Augenarzt überlegen. Er hat nichts gemerkt. Unsere Wirklichkeit blieb einen Moment lang unentdeckt, das hat mir gefallen. Und: Es wäre ja auch lästig, es jedem zu sagen, daß meine Mutter mich gar nicht geboren hat.
Yvonnes Mutter dachte: Geht es den fremden Augenarzt etwas an, daß ich nicht ihre biologische Mutter bin? War es richtig, daß ich nichts gesagt habe? War ich unehrlich? Kam ich mir nicht plötzlich wie ertappt vor? Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich locker gesagt hätte: Hier irren Sie sich. Yvonne ist adoptiert. So wäre ich vor den Ohren des Kindes offensiv mit der Realität umgegangen. War es richtig, sich in Anwesenheit des Kindes auf das Geheimhaltespiel einzulassen?

Eine harmlose Alltagssituation – plötzlich ist sie gar nicht einfach. Die nebensächliche Bemerkung eines Augenarztes hat etwas Besonderes ausgelöst. Mutter und Tochter sind nicht verwandt, es gibt keine erbbedingten Gemeinsamkeiten. Die ganze Realität ihres sozialen Eltern-Kind-Verhältnisses ist lebendig. Andere Kinder und ihre Eltern geraten nicht in solche Situationen.
Etwa die Hälfte aller Kinder in der Bundesrepublik Deutschland lebt nicht ihre ganze Kindheit über mit beiden biologischen Elternteilen zusammen. Lebensformen, in denen biologische und soziale Elternschaft nicht identisch sind, nehmen zu. Es gibt Einelternfamilien, Stieffamilien, Pflege- und Adoptivfamilien, Kinder bei Großeltern. Diese Formen des Zusammenlebens werden von denen, die in ihnen leben, meist als Ausnahme betrachtet, von Erwachsenen und von den Kindern oft gefühlsmäßig als «weniger wert», als nicht «richtig» wahrgenommen. Die Kleinfamilie, in der biologische und soziale Elternschaft zusammenfallen, gilt weiterhin als Norm und als einzig wahre Lebensform in unseren Köpfen, Gefühlen und im Werteraster dieser Gesellschaft. Sie wird vom Staat legitimiert und materiell belohnt. Dabei wissen wir doch alle, daß in vielen äußerlich harmonischen Familien Schmerz, Unterdrückung, Macht und Ohnmacht, Streit, Verachtung, Resignation, Haß und Krisen ihren Platz haben – entweder offen erlebbar oder unter der Decke des Verdrängens spürbar.
Adoption ist eine ältere Form, Menschen gesetzlich miteinander zu verbinden, als die Ehe. Jahrtausende lang diente Adoption von jugendlichen oder erwachsenen Männern dazu, für die Annehmenden Versorgung und Pflege im Alter sicherzustellen und einen Erben zu haben. Adoptionen wurden bei vielen Völkern in großer Gemeinschaft vollzogen und waren ein Festakt. Für den Adoptierten verbesserte sich der soziale und ökonomische Status. In alten Volksmärchen wurden vor allem Waisen und Ausgestoßene als Kind angenommen.
In Australien, Paraguay, bei den Eskimos und in Japan erfolgten in früheren Jahrhunderten Adoptionen teilweise auch aus fürsorgerischen Momenten. Bei den Germanen und den Römern war die Adoption ein Weg, außereheliche Kinder in die Familie des Vaters aufzunehmen. Erst durch das Christentum wurden nichteheliche Kinder geächtet und verstoßen. Sie wurden kaum mehr adoptiert sondern in Waisen- und Findelhäusern untergebracht. Eine Ausnahme findet sich im Stadtrecht von Freiburg im Breisgau im Jahr 1520 (Napp-Peters, 1978): Adoption sollte aus «Barmherzigkeit» und «Liebe zu den Kindern» durchgeführt werden. Erst im Jahr 1900 wurde in Deutschland im Bürgerlichen Gesetzbuch mit Adoption der Anspruch verbunden, nicht nur Altersversorgung und einen Erben für die Adoptiveltern sicherzustellen sondern alleinstehenden Kindern zu einer Familie zu verhelfen.
Heute ist die Adoption ebenso wie Pflegeverhältnisse oder Heimunterbringungen eine «Maßnahme der Jugendhilfe». Sie soll Kindern, die nicht mit ihren Eltern leben können, Aufwachsen und rechtliche Zugehörigkeit in einer Familie sichern. Das ist vielen Bewerberinnen und Bewerbern für das Adoptivkind nicht bewußt. Sie denken oft, Adoption sei ein ganz selbstverständlicher Weg für ungewollt kinderlose Paare, eine Familie zu gründen.
Wer ein Kind adoptieren will, muß sich intensiv damit befassen, daß eine Adoptivfamilie nicht gleichzusetzen ist mit einer Familie, in der biologische und soziale Elternschaft identisch sind. Obwohl in frühem Alter adoptierte Kinder sich zu ihren Familien genauso innig zugehörig fühlen, wie leibliche Kinder, ist ihre Aufwachssituation dennoch von Beginn an eine andere. Soziale Elternschaft bedeutet, sich für eine alternative Familienform zu entscheiden und diese nicht als Defizit, als Notlösung, als Kompromiß zu empfinden. Ja sagen zu können zu dieser nicht der «Norm» entsprechenden Lebensform, heißt zugleich, sich der außergewöhnlichen Wirklichkeit des Adoptionsgeschehens zu stellen: Das Kind verliert seine leiblichen Eltern, und die meisten Adoptiveltern mußten mit dem Verlust leben lernen, kein leibliches Kind zu bekommen. Die Voraussetzung für das Entstehen des Adoptiv-Eltern-Kind-Verhältnisses ist, daß andere Menschen dieses Kind zur Welt gebracht und es auf den Weg ins Leben geschickt haben. Beim Lebenlernen mit ihrer außergewöhnlichen Situation der Adoption brauchen alle Kinder Hilfe, Schutz und Verstehen durch die Erwachsenen. Ob ein adoptiertes Kind mit seinen Adoptiveltern zufrieden aufwachsen kann, hängt sehr davon ab, wie zufrieden Adoptiveltern mit der alternativen Lebensform «soziale Elternschaft» sind und wie offen sie mit dieser Wirklichkeit umgehen.
Für viele Adoptiveltern teilt sich ihr soziales Umfeld in zwei Gruppen: Menschen, die ihre alternative Familienform achten und respektieren und jene, die traditionelle Vorurteile gegen «Kinder anderer Leute» haben. Oft geht der Riß mitten durch Familien. Für Adoptiveltern ist es nicht immer einfach, sich selbstbewußt für die von ihnen gewählte Lebensform im sozialen Umfeld einzusetzen. Stoßen sie trotz intensiver Auseinandersetzung und trotz Werben um Akzeptanz auf Unverständnis oder Ablehnung, so bleibt ihnen nur, sich guten Gewissens gegenüber all jenen abzugrenzen, die ihren Lebensweg nicht gutheißen. Das können manchmal sogar die eigenen Eltern, Geschwister oder Schwiegereltern sein.


Zweimal Eltern – wer sind die «richtigen Eltern?»

Immer wieder werde ich gefragt: Kann denn ein Kind mit dem Wissen, zwei Mütter zu haben, fertig werden? (Väter spielen hier ohnehin eine untergeordnete Rolle!) Wer so fragt, übersieht dabei: Das Kind fühlt sich nur einer Mutter, der sozialen Mutter, die Tag für Tag als Mutter erfahren wird, zugehörig. Diese einmalige «Mama» ist Gegenwart und Wirklichkeit. Die leibliche Mutter früh adoptierter Kinder bleibt Baustein der Vergangenheit, bleibt wichtig für ihre Identität, aber zu ihr besteht keine Eltern-Kind-Bindung mehr. Kinder können das sehr gut auseinanderhalten.
Kinder, die nie mit ihren leiblichen Eltern gelebt haben, geben ihre Bindung zu ihren Adoptiveltern nicht einfach auf. Sie wissen sehr genau, wo sie hingehören, nämlich zu ihren sozialen Eltern. Alle Kinder entwickeln Bindung und Abhängigkeit, die im sozialen Zusammenleben begründet sind, gleich ob es sich um eine leibliche oder eine soziale Elternschaft handelt. Ein früh gebundenes Adoptivkind, das sich geborgen fühlt, kommt nicht auf die Idee, seine realen Adoptiveltern gegen die unbekannten leiblichen Eltern austauschen zu wollen. Und doch ist die Eltern-Kind-Beziehung manchmal gerade in den Jugendjahren Adoptierter anfälliger, weil biologische und soziale Familie nicht identisch sind. Deshalb müssen Adoptiveltern in den Kinderjahren Vorarbeit leisten.
«Das Gute hat er von uns. Das Schlechte von seinen leiblichen Eltern», scherzte ein Adoptivvater. Wie wäre unser eigenes Kind geworden? Hätten wir dieselben Probleme gehabt? Und adoptierte Kinder fragen sich: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich bei meinen leiblichen Eltern geblieben wäre, wie, wenn ich zufällig ganz andere Adoptiveltern bekommen hätte? Alle adoptierten Kinder befassen sich mehr oder weniger intensiv, mehr oder weniger offen oder verdeckt, bewußt oder unbewußt mit ihrer ungewöhnlichen sozialen Situation: mit der Tatsache, daß sie in einer Familie leben, der sie sich zugehörig fühlen und daß es Menschen gibt, von denen sie gezeugt, ausgetragen, geboren und fortgegeben wurden, zu denen sie nicht mehr gehören. Es beschäftigt sie, was aus diesen Menschen geworden ist.

Die fünfjährige Patrizia spielte monatelang jeden Abend «Geburt». Sie legte sich auf den Bauch der Adoptivmutter und ließ sich von ihr mit einer Decke umwickeln. Dann kroch sie aus der Decke heraus und sagte: «Und jetzt hast du mich geboren. Ich bin aus deinem Bauch gekommen und du hättest dich sehr gefreut». Patrizia empfindet es als Mangel, daß sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist. Patrizia fühlt, daß die Adoptiveltern ursprünglich ein leibliches Kind gewollt haben. Kann sie mit diesem nicht geborenen Kind konkurrieren? Kann sie diesen sehnlichen Wunsch wettmachen? Wie wäre ein leibliches Kind der geliebten Eltern geworden? Ist sie weniger wertvoll? Ist Patrizia vielleicht ein Kind zweiter Wahl? Solch bange Fragen stellen sich viele Adoptivkinder. Die Menschen, an die das Kind gebunden ist und die es liebt, sind zugleich nicht seine «richtigen Eltern».

Was Patrizia allabendlich gespielt hat, ihre Geburt durch die Adoptivmutter, ist bei vielen Völkern Adoptionsritual, schon in der griechischen Mythologie. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor Siculus berichtet im 1. Jahrhundert vor Christus: «Die Aufnahme an Kindesstatt, sagt man, sei auf folgende Art geschehen. Hera habe ihr Lager bestiegen, den Herkules in ihren Schoß gezogen, und ihn aus ihrem Gewand zu Boden fallen lassen. Diese sinnbildliche Darstellung der Geburt soll noch gegenwärtig unter den auswärtigen Völkern bei der Annahme an Kindesstatt gewöhnlich sein.» Pietro della Valle berichtet 1675 aus Persien, daß Annehmende «jenige Person, die sie an Kindsstatt annehmen wollen, ganz nackend in ihr Hemd stecken, und an ihr Fleisch legen, und alsdann dieselbe wieder herausziehen, als wann sie, wie ihre leiblichen Kinder, aus ihrem Leibe kommen wären.» (Hüttenmoser 1991, in ‹und Kinder› S. 25)
Adoptivkinder sind begleitet von zwei tiefgreifenden Verlusten: Ihr Leben ist beeinflußt vom Schmerz nicht das «eigene» Kind der sozialen Eltern zu sein und vom Schmerz, von den leiblichen Eltern getrennt worden zu sein: Zwei Trauerprozesse wirken auf ihr Leben ein. Adoptierte müssen immer wieder eine innere Balance herstellen. Hierbei benötigen sie Adoptiveltern, die sich selbst mit diesen Fragen befassen und an sich arbeiten, damit sie dem Kind Hilfestellung geben können.


Normale «Probleme» oder adoptionsspezifische Probleme?

«Von Euch lasse ich mir nichts mehr sagen. Ihr seid ja gar nicht meine richtigen Eltern». Fast alle adoptierten Kinder sagen dies im Lauf ihres Aufwachsens irgendwann im Konflikt, der aus dem Familienalltag entsteht. So wird bei Adoptiveltern und Kindern sehr schnell die Adoptionsthematik wach. Und aus «normalen» Problemen können sich heftigere, bedrohlichere Situationen entwickeln.
Welche Probleme sind entwicklungsbedingt oder familienbedingt und welche sind spezifische Adoptionsprobleme? Das wüßten alle Adoptivfamilien nur allzugern. Viele Alltagskonflikte sind dieselben wie in allen Familien. Doch auf dem Hintergrund der Adoption bekommen sie leicht einen anderen Stellenwert. Die phasen- und aufwachsbedingten Sorgen, Höhen und Tiefen und die spezifischen durch die Adoption bedingten Konflikte greifen immer ineinander. Das macht es so schwer.
Erinnern wir uns. Wenn wir einmal mit unseren Eltern überhaupt nicht einverstanden waren, träumten wir nicht, wir wären vielleicht früh vertauscht oder adoptiert, ohne daß die Eltern etwas davon ahnten? Bei adoptierten Kindern ist dies Realität. Eltern und Kind wissen davon!
Selbst wenn Adoptiveltern mit viel Behutsamkeit und Sorgfalt dem Kind vermitteln, daß es ein guter und verantwortlicher Schritt der abgebenden Eltern war, das Kind den neuen Eltern anzuvertrauen, gibt es viele Adoptivkinder, die sich minderwertig fühlen, sich als das fortgegebene, verlassene Kind definieren. «Warum konnte die mich nicht gebrauchen» ist eine häufig gestellte Frage von Adoptierten. Viele adoptierte Kinder haben ein erschüttertes Selbstwertgefühl.
Von Selbsthilfegruppen erwachsener Adoptierter wissen wir, wie schwer es für viele adoptierte Menschen oft lebenslang ist, mit der Wirklichkeit leben zu lernen, im frühsten Alter getrennt worden zu sein. Viele berichten, daß sie als junge Kinder und in den Jugendjahren ein regelrechtes Doppelleben geführt hätten, wie sie sich heimlich nach ihrer leiblichen Mutter verzehrt und sich phantastische Geschichten ausgemalt hätten, wer ihre leiblichen Eltern seien. Da sie zu einer anderen Zeit adoptiert wurden, gab es viel öfter noch als heute Aufwachsprozesse, bei denen Kinder bezüglich ihrer Herkunftsfamilie im Dunklen gelassen wurden. Es gab harte Tabus, unerbittliches Schweigen.
Indem sich Adoptivfamilien und Adoptionswillige in Selbsthilfegruppen, Verbänden, Fortbildungen, Wochenendgruppen und Freizeiten mit Menschen in der gleichen Situation austauschen und solidarisieren, gelingt es ihnen besser, das Außergewöhnliche am Adoptionsprozeß zu bejahen, und als selbstverständlich damit leben zu lernen.


Adoptierte Kinder brauchen Wahrheit

Seit Jahren sind sich Adoptionsfachleute einig, daß Kinder so früh wie möglich über ihr Adoptiertsein Bescheid wissen sollen. Nur mit Adoption nicht vertraute Menschen vertreten auch heute noch die Position, ein Kind könnte unbeschwerter aufwachsen, wenn es nicht weiß, daß seine Eltern nicht die leiblichen Eltern sind. Und je später das Kind über seine Adoption erführe, desto reifer wäre es, desto besser könnte es die Mitteilung verkraften und verarbeiten.
Wer Bedenken hat, den Kindern die Wahrheit zu sagen, hält die Wirklichkeit offensichtlich selbst für schlimm, hält soziale Elternschaft für minderwertig. Doch es ist Illusion, zu glauben, es gäbe irgendwann im späteren Leben den besseren Zeitpunkt. Wer so denkt, ignoriert, daß ein solch gravierendes Geheimnis eine Eltern-Kind-Beziehung belastet, daß ein echtes, inniges Eltern-Kind-Verhältnis nicht lebbar ist, wenn eine Lebenslüge Eltern und Kind begleitet. Der beste Schutz für ein Kind ist, wenn die ihm nahestehenden Menschen vertrauend und liebevoll von Beginn an die Wirklichkeit sagen.
Je weniger Adoptiveltern vertuschen, je offener sie die Wirklichkeit, daß ihr Kind andere Eltern hat, annehmen, desto besser können adoptierte Menschen mit ihrer Realität, zwei Familien zu haben, leben lernen. Klar bleibt allerdings, daß sie von ihrer Doppelsituation geprägt bleiben. Die einen tragen schwer daran. Andere haben gelernt, mit ihrer Adoption und ihren Adoptiveltern zufrieden zu leben. Sie können sich selbst ohne Zweifel annehmen, verwirklichen und achten. Für alle Adoptierten gilt: Die Tatsache, zweimal Eltern zu haben, läßt sich nie mehr ungeschehen machen.



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